Wie man "in die Medien" kommt - 7 unbequeme Wahrheiten

harte-arbeit-mit-dem-fahrrad.jpg

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich “Beziehungen” zu “den Medien” habe. Besonders während unserer Crowdfunding-Kampagne “Bettina will leben” haben viele eine “Absprache” von mir und den Medien oder gar der Pharma-Branche vermutet. Weil: Es könne ja nicht sein, dass man “einfach so” eine Titelgeschichte in der “Weltwoche” oder einen Aufmacher im “20 Minuten” erhalte.

Selbiges habe ich jetzt auch wieder mit unserem Buch “Real Talk” erlebt – ich müsse doch diese Anna Rothenfluh vom Watson von iiiirgendwoher kennen, dass sie einen so ausführlichen, positiven Bericht über unser Buch geschrieben hat. Die für viele wohl bittere Antwort ist: Nein. Non. No.

Medienarbeit und daraus (im besten Fall) resultierende Präsenz in den Medien ist harte Arbeit – gerade wenn man ein Nobody ist, und zu den Nobodys zähle ich mich zurecht.

Warum soll das nun mit Arbeit zusammenhängen, wenn man “in die Medien kommt”?
7 unbequeme Wahrheiten:

  1. Als “Kommunikationsfachmann” oder “PR-Frau” wollen Sie für eine Dienstleistung, ein Produkt oder ein Unternehmen Aufmerksamkeit generieren – die Journalistin aber will eine Geschichte erzählen. Das klingt banal, vergessen in der Hitze des Gefechts – oder in der wohligen Faulheit – erstaunlicherweise aber praktisch alle. Wenn man einen Journalisten also – wegen welchem Thema auch immer – angeht, sollte man immer von der Frage geleitet sein: Was für eine Geschichte lässt sich mit meinem Produkt, meiner Dienstleistung oder meinem Unternehmen erzählen? Was ist der News-Charakter daran? Ja, sich eine gescheite Geschichte auszudenken, braucht Zeit, und das ist erst der Anfang.

  2. Journalisten werden tagtäglich mit Zillionen nichtssagender PR-Geschwurbel-Mails zugemüllt. Besonders beliebt sind E-Mails von “Kommunikationsfachleuten”, die dann schreiben: “Wir dachten, Sie könnten ‘ETWAS’ über unser Produkt schreiben …” Hören Sie auf, solche Mails zu verschicken. Machen Sie stattdessen einen konkreten, greifbaren Vorschlag, unter dem sich die Journalistin etwas vorstellen kann – am besten in Form eines kurzen und gut überlegten Themenvorschlags mit Titel, Header und Bullet-Points. Lange Romane landen mit grosser Wahrscheinlichkeit im Papierkorb.

  3. Überlegen Sie sich gut, an welchen Journalisten Sie Ihre Anfrage schicken. Recherchieren Sie: Wer ist für mein Thema am ehesten geeignet? Dies können Sie am besten mit einer Suche in Datenbanken wie z. B. Swissdox herausfinden. Und jep, auch das dauert …

  4. Passen Sie den Themenvorschlag an die Journalistin und das betreffende Medium an – genauso wie Ihre E-Mail. Wer liest hier meine E-Mail? Für welches Medium arbeitet diese Person? Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte? Was wollen genau diese Leserinnen und Leser erfahren? Wenn es sich inhaltlich anbietet, nehmen Sie Bezug auf einen bereits veröffentlichten Artikel des Journalisten.

  5. Der Journalist entscheidet völlig autonom, ob er etwas schreiben will oder nicht. Es bringt nichts, wenn Sie ihm sagen, Ihr Rasenmäher sei aber viel besser als derjenige Ihres Konkurrenten und deshalb ‘MÜSSE’ er darüber schreiben. Glauben Sie mir: Wenn Sie dem Journalisten irgendetwas aufzwingen wollen, wird er erst recht nicht darüber schreiben. Sie können selbstverständlich höflich nachfragen, wieso eine Geschichte nicht berücksichtigt wurde – aber Formulierungen wie «Sie müssen», «Sie sollen» etc. haben in Mails an Journalisten nichts verloren.  

  6. Wenn Sie einen Themenvorschlag per E-Mail verschickt haben und keine Antwort erhalten, fassen Sie eine Woche später telefonisch oder schriftlich nach. Bleiben Sie zu jeder Zeit höflich und zurückhaltend. Spätestens nach dem dritten Nachfassen sollten Sie es sein lassen.

  7. Falls Sie Medienmitteilungen verschicken: Tilgen Sie darin alle Plattitüden, Floskeln und Nicht-Aussagen. Dampfen Sie die Mitteilung auf konkrete Aussagen herunter. Wörter wie “innovativ”, “agil”, “partnerschaftlich”, “führend” etc. verringern die Wahrscheinlichkeit, dass der Journalist die Mitteilung lesen will.

Wenn Sie diese Punkte beachten, werden Sie in jede einzelne Kontaktaufnahme mit einem Journalisten ziemlich viel Zeit investieren.

Und das ist auch schon das ganze banale Geheimnis dahinter, wie man “in die Medien kommt”, wenn kein Hahn nach einem kräht: Mit sehr viel Arbeit, einem ausgeprägten Gespür für Geschichten und einem cleveren Umgang mit Menschen.

(Ein kleiner Trost an dieser Stelle: Auch wenn man alles richtig macht und der Journalist das Thema gut findet, kann es manchmal vorkommen, dass man’s nicht “in die Medien” schafft. Das kann z. B. der Aktualität oder fehlenden Ressourcen geschuldet sein.)

P. S.: Wie bei anderen Entscheidungen im Leben habe ich auch bei der Verwendung weiblicher und männlicher Formen in diesem Text gewürfelt, inspiriert durch den Roman “The Dice Man”.